Sinnflut: -Der Blick, der dich ruft und verbannt-

Sinnflut: -Der Blick, der dich ruft und verbannt-

-Der Blick, der dich ruft und verbannt-

Ich sehe dich.

Nicht wie man jemanden ansieht, sondern wie man etwas auswählt, herauslöst, festnagelt im Raum zwischen zwei Atemzügen.

Mein Blick liegt auf dir wie ein Anspruch,

den ich niemals einlösen werde.

Ich halte dich fest, ohne dich zu berühren.

Ich rufe dich, ohne ein Wort zu sagen.

Komm.

Komm herüber,

als hätte mein Schweigen dich gerufen.

Frag mich, wer ich bin.

Frag mich, warum gerade du.

Frag mich, ob wir uns kennenlernen sollten, als läge darin irgendeine Zukunft, die ich je betreten würde.

Frag mich, ob du gut aussiehst,

und meine Augen werden dir antworten,

gnadenlos ehrlich, viel zu lange, viel zu intensiv.

Frag mich nach dem Warum.

Warum ich dich ansehe, als gäbe es in dir etwas, das mich betrifft.

Warum ich dich auswähle, als wäre das hier kein Zufall.

Komm.

Ich verlange es.

Ich lege es in jeden Blick,

in jede Sekunde, die ich dich nicht loslasse.

Ich will, dass du dich irrst,

dass du glaubst, hier wäre etwas.

Und zugleich,

verweigere ich es.

Denn wenn du dich bewegst,

wenn du die Distanz wirklich brichst,

wenn aus diesem lautlosen Spiel

eine Handlung wird,

dann stirbt es.

Dann zerfällt alles, was ich eben noch beschworen habe.

Denn ich will keine Begegnung.

Ich will keinen Anfang,

kein Gespräch,

keinen Namen, der mehr ist als ein Gedanke.

Ich will keine Stimme, die mich erreicht.

Keine Nähe, die bleibt.

Ich will nur das Verlangen danach.

Nur diesen einen, aufgeladenen Zustand,

in dem alles möglich scheint, weil nichts geschieht.

Ich will dich

Als ungelebte Möglichkeit.

Als Spannung.

Als Drohung.

Als Versprechen, das niemals eingelöst wird,

und genau darin vollkommen ist.

Denn sobald du sprichst,

werde ich schweigen.

Radikal.

Endgültig.

Kein Wort wird kommen,

keine Regung,

kein Entgegen.

Ich werde dich ansehen,

ja

aber ohne jede Antwort,

ohne jede Öffnung, als hätte ich dich nie gerufen.

Denn ich habe dich nie gewollt.

Nicht dich.

Nur das,

was zwischen uns hätte entstehen können,

wenn ich es zugelassen hätte,

und genau deshalb nicht zulasse.

Also bleib, wo du bist.

Und komm näher.

Versteh mich falsch,

bitte-

aber handle nicht danach.

Denn mein Blick ist ein Befehl,

der sich selbst aufhebt.

Ein Ruf,

der nur existiert,

solange du ihn ignorierst.

Bleib stehen wenn du mich retten willst.

Komm näher wenn du mich vernichten willst.

Denn ich halte dich fest

in einer Wirklichkeit, die nur so lange existiert,

wie du sie nicht betrittst.

Und sollte dein erster Schritt jemals wirklich fallen,

dann wirst nicht du es sein, der die Distanz überwindet.

Dann bin ich es,

der alles verliert, noch bevor du mich erreichst.

-M.S.

Sinnflut ehemals Weazel Writers – Deine Stimme fehlt noch

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