-Das Fenster-

Das Fenster war geschlossen.
Die Scheibe stand klar im Rahmen, kühl und unberührt, der Riegel fest im Holz. Draußen lag die Nacht reglos vor dem Glas, und nichts deutete darauf hin, dass etwas die Grenze zwischen draußen und drinnen überschreiten könnte.
Und doch begann es dort.
Zuerst kaum mehr als eine Regung.
Etwas, das sich an der Scheibe sammelte wie ein Hauch, wie ein Flattern, so zart, dass selbst die Stille es fast überhörte. Es war, als löse sich ein Schatten von draußen, hebe sich leicht an, schwebe gegen das Glas – und gleite hindurch, ohne es zu berühren.
Langsam trat es in den Raum.
Nicht stoßend, nicht brechend.
Eher wie ein dunkler Atemzug, der sich vorsichtig zwischen Tisch und Stuhl niederließ, der über die Rücken der Bücher strich und die Luft ein wenig schwerer machte.
Eine Weile geschah nichts.
Das Zimmer hielt den Atem an.
Alles blieb, wie es war.
Dann bewegte sich das erste Buch.
Nur ein Fingerbreit.
Es rückte über den Rand des Regals, hielt einen Augenblick inne – und stürzte.
Der Aufprall war hart und laut. Das Geräusch schnitt durch die Stille wie ein Schlag. Zwei weitere Bücher gerieten ins Rutschen, stießen gegen die Reihe daneben. Holz ächzte, das Regal bebte, als wäre eine unsichtbare Hand daran geraten.
Noch hielt es.
Dann brach die Ordnung.
Mit einem Krachen stürzten Bretter und Bücher zu Boden. Staub fuhr auf, Seiten schlugen wie Flügel. Ein schwerer Band prallte gegen den Tisch, der Tisch ruckte zur Seite und rammte den Fuß der Lampe.
Metall knirschte.
Die Lampe schwankte, rang einen Augenblick mit dem Gleichgewicht, als wolle sie sich noch weigern, an dieser Verwüstung teilzunehmen.
Dann fiel sie.
Das Glas zerbarst in einem grellen, zerschneidenden Splittern. Der Klang fuhr durch den Raum, und mit ihm brach jede letzte Ruhe. Gegenstände rutschten vom Tisch, Stühle wurden gestoßen, Holz schlug gegen Holz. Jeder Aufprall gebar den nächsten, jede Bewegung riss eine weitere mit sich.
Das Zimmer geriet in einen Sturm aus Lärm, Staub und zerschlagenem Licht.
Und über all dem stand das Fenster.
Unberührt.
Die Scheibe klar.
Der Riegel geschlossen.
Kein Sprung im Glas. Kein Spalt im Rahmen. Kein Weg, durch den etwas hätte kommen können.
Und doch war es gekommen.
Erst wie ein Flattern.
Und dann wie ein Verderben.
-M.S.
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